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June 2019

Leitlinien der Arbeit des Kur- und Bäderwesens der DDR

Journal/Book: Z. Physiother. 26 (1974) 261-265. 1974;

Abstract: Forschungsinstitut für Balneologie und Kurortwissenschaft Bad Elster (Direktor: OMR Prof. Dr. med. habil. H. Jordan) Mit dem "Befehl 28" der damaligen sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland vom 28. 1. 1947 über die Bildung einer einheitlichen Sozialversicherung war nach dem katastrophalen Zusammenbruch am Ende des Zweiten Weltkrieges für die "sowjetische Besatzungszone" die erste gesetzliche Grundlage zum Neuaufbau eines "Kur- und Bäderwesens der DDR" gegeben. Es galt nun mit allen Kräften die materielle Basis dafür zu sichern eine den Grundsätzen einer sozialistischen Medizin und den gewerkschaftlichen Forderungen entsprechende Organisation des Kurenwesens zu entwickeln und die systematische Integration der Kurorttherapie in die Planung und Leitung des Gesundheitswesens zu betreiben. Nur wer selbst den Ablauf der Geschehnisse auf diesem Sektor der gesundheitlichen Betreuung von Anfang an miterlebt hat vermag in vollem Umfang zu ermessen welches Maß an ideologischer wissenschaftlicher und praktischer Arbeit zu bewältigen war um den gegenwärtigen stand zu erreichen. Das jetzige Territorium der DDR hat nie den Anspruch erheben können ein bedeutendes "Bäderland" zu sein. Dazu kam daß die durch die Kriegsereignisse entweder vernichteten völlig abgewirtschafteten oder zweckentfremdeten Kureinrichtungen nicht nur möglichst schnell wiederhergestellt oder betriebsfähig gemacht sondern auch zahlenmäßig und kapazitativ bedeutend erweitert werden mußten. Bereits im ersten Fünfjahrplan der DDR wurden anteilmäßig recht erhebliche Summen für die Restaurierung und Ergänzung der Kurortbauten zur Verfügung gestellt. Es ist unmöglich (und auch nicht die Absicht) auf engem Raum hierzu ein auch nur annähernd vollständiges Bild zu entwerfen. Allein die Zahl der jährlichen Kuren die sich 1947 auf rund 27000 und im Jahre 1973 auf 325444 (EDV-Ermittlung) belief verdeutlicht den Umfang der Entwicklung. Dabei drückt sich ein ständiger Profilierungsprozeß darin aus daß der Prozentsatz der "Heilkuren" (d. h. der qualifisiertesten Form der Kurortbehandlung) innerhalb der Kuren insgesamt ständig zunimmt wie dies Abbildung 1 verdeutlichen möge. Hand in Hand mit dem äußeren Aufbau vollzog sich der Stabilisierungsprozeß der möglichst optimalen Einordnung der Kurorttherapie - der "Kur" schlechthin - in die zeitliche und pathische Ganzheit des zu behandelnden Kranken - naturgemäß langsam und nicht ohne "Fehlpässe" im Detail. Hierbei waren viele Hindernisse und sowohl innere als auch äußere Widersprüchlichkeiten zu beseitigen; Probleme der Organisation der rationellen Relation zwischen individueller Kurbehandlungsdauer und gesundheitspolitisch vertretbaren Forderungen jährlicher Kurengesamtzahlen der ärztlichen bzw. medizinischen Definitionen und Entscheidungen über Kurnotwendigkeit Kurfähigkeit oder das optimale Kurregime standen dabei an erster Stelle. Ohne Abb. 1. Abgeschlossene Kuren in den Einrichtungen des Kur- und Bäderwesens der DDR in den Jahren 1960 bis 1972 (obere Kurve) und davon der Heilkuren (untere Kurve); nach: statist. Jahrb. d. DDR Jg. 1972 S. 430 Das Konzept daß die Kurorttherapie sowohl präventiv-medizinische als auch klinische und rehabilitative Aufgaben zu bewältigen habe und daß infolgedessen nicht nur linearkausal-therapeutische sondern vor allem auch unspezifisch-stimulative Faktoren in ihr kalkuliert und praktisch nutzbar gemacht werden sollten bestimmte schon sehr bald den wissenschaftlichen Denkansatz und die Praxis des Kur- und Bäderwesens der DDR Die Prinzipien der ganzjährigen und bioklimatischen Nutzung aller Kureinrichtungen der aktiven Therapiegestaltung auf den einzelnen Indikationssektoren im Sinne einer "komplexen" (d. h. funktionell optimalen) Behandlung und der Herstellung der erforderlichen "Anschlußwerte" der Kurorttherapie im Hinblick auf eine frühestmögliche medizinische Rehabilitation und gegebenenfalls deren längerfristigen Fortführung bildeten die Grundlage für die Aufbaulinie die Arbeitsweise und die organisatorische Orientierung der Kureinrichtungen und lösten damit bisher geläufige Vorstellungen und Grundsätze ab. Es soll nicht behauptet werden daß diese Maximen von eh und je als klare Leitlinien ausdrücklich definiert oder erkannt worden wären. Gerade die wertvollen Wesenszüge aber der Physiotherapie wie sie in der DDR traditionsgemäß gepflegt und entwickelt wurde - die Nutzung der körpereigenen Funktionsqualitäten zu Prävention Prophylaxe Therapie und Rehabilitation - kamen hierbei schon relativ frühzeitig und in erfreulichem Wirkungsgrad zum Tragen; ihre Behandlungsformen fanden zeitig Eingang in die Regimepläne der Kurorte und -einrichtungen (nicht konkurrierend aber korrigierend und korrespondierend) und formierten den Typ der "Komplextherapie" - nunmehr auch verstehbar als Kombination der "natürlichen Heilmittel" mit den "physiotherapeutischen" (sowie "pharmakologischen" und "psychagogen") Praktiken. Erst sie ermöglicht die umfassende Berücksichtigung der von einer Kurorttherapie erwartbaren Leistungen die sich in folgenden Begriffen ausdrücken lassen: Adaptive Leistungstherapie - Rhythmusordnung - Abhärtung - Subsistenz und Gesundheitserziehung. Eine intensive Weiterbildungs- und Informationsarbeit war sowohl im Bereich der Kurorttherapie selbst als auch in den sonstigen Feldern der Medizin erforderlich um dem hohen Ziel der sinnvollen Einordnung der Kur in den Gesamtheilplan entscheidend näherzukommen. Sie mußte von den spezialisierten Fachkadern im Kur- und Bäderwesen selbst ausgehen und gewann in dem Maß an Stoßkraft in dem sich das Fachgebiet "Physiotherapie" (ehemals "physikalisch-diätetische Therapie") in seiner Eigenständigkeit bis hin zur Facharztreife profilierte und präzisierte. Damit war eine notwendige und verläßliche Standfläche auch für die Konsolidierung des Kur- und Bäderwesens in der Medizin - wenn auch ebenfalls nicht ohne Gegenargumentationen und Meinungsdifferenzen - gewonnen worden. In Wort und Schrift in der studentischen Ausbildung der fachbezogenen und der allgemeinen ärztlichen Weiterbildung auf Arbeitstagungen Symposien und Kongressen über die Bildung spezieller fach- oder aufgabenbezogener Arbeitsgruppen wurde versucht die Quote der Fehleinweisungen systematisch abzubauen den Auslastungs- und Profilierungsgrad jeder einzelnen Kureinrichtung zu erhöhen und damit die Effektivität der Kurorttherapie zu steigern. Die EDV-Auswertung des Jahres 1972 zeigt daß der weitaus größte Teil aller Kuren in unseren Kureinrichtungen den vier Hauptindikationsgebieten zufällt die sowohl den gesundheitspolitisch relevanten als auch den mit den Mitteln der Kurorttherapie der DDR vorrangig aussichtsreich zu behandelnden Krankheitskomplexen entsprechen. Wie jede gesellschaftliche Leistung bedurfte auch das Kur- und Bäderwesen einer ständigen Überprüfung seiner ökonomischen Tragfähigkeit und Tragbarkeit. Eine solche Aufgabe setzt zu ihrer Lösung eine möglichst gute Durchschaubarkeit der spezifischen Strukturen und Abläufe voraus. Es müssen die Störgrößen gesucht werden die im Widerspruch zum rationellen Einsatz von Mensch und Material bzw. zur Ökonomie der Zeit und der Werte stehen. Wenn hierbei "Wert" mit "Gesundung" Zeitökonomie mit "Genesungsdauer" Material mit "Therapie" und "Mensch" mit "Arzt und Patient" gleichgesetzt werden so ist etwas anschaulicher umrissen wo sich wesentliche objektive Schwierigkeiten in der Problematik der Kurorttherapie finden. Sie liegen sowohl im Fehlen mancher gesicherten wissenschaftlichen Ergebnisse der balneobioklimatologischen Grundlagenforschung als auch in der Komplexität der Wirkfaktoren und der Tatsache der grundsätzlich begrenzten Behandlungsdauer begründet. Es erschien erforderlich zunächst zu einer Analyse und Auswahl bewährter und fundierter Heilmethoden (einschließlich der naturwissenschaftlichen Charakteristik der hierzu gehörigen Heilmittel) zu gelangen Rahmenpläne für ihren Einsatz zu schaffen und die Konstanz ihrer bestimmenden Parameter abzusichern. Dies betrifft in der Kurorttherapie aber auch die spezielle Balneotechnik der natürlichen Heilmittel von ihrer Erschließung bis zur Applikation die Anlagen zur Nutzung des Bioklimas die Stätten für Sport (eventuell Heilsport) und Spiel die Milieugestaltung und die Bedingungen der physischen und psychischen Betreuung. Die Erarbeitung der "Diagnostischen und therapeutischen Rahmennormative" der balneotechnischen Standards der Kurortdiätenkatalog oder das "Indikationsverzeichnis der Bäder und Sanatorien der DDR" mögen als Beispiele für derartige Bemühungen gelten. Sie haben überdies nicht nur einen dokumentarischen sondern auch einen didaktischen Wert. Für die Realisierung einer wirksamen Kurorttherapie ist es erforderlich sowohl auf balneobioklimatischem als auch kurortwissenschaftlichem Gebiet die Grundlagen- und angewandte (z. B. vergleichend-therapeutische) Forschung planmäßig zu betreiben und daraus die entsprechenden Konsequenzen für die Praxis zu ziehen. Eine derartige systematische Einbeziehung aller effektiven Parameter erfordert ein adäquates System der wissenschaftlichen und organisatorischen Planung Anleitung und Kontrolle sowie gesetzliche Grundlagen die die funktionelle und territoriale Integration der Kureinrichtungen oder Kurorte legalisieren und perfektionieren. Schon 1957 lag die "Verordnung über Kurorte Erholungsorte und Sanatorien" der DDR vor die 1967 erneuert und durch weitere Durchführungsbestimmungen ergänzt wurde. Dieses Gesetz sichert vor allem die Existenz und Erhaltung der Therapiefaktoren der Kurorte (und Erholungsorte) und regelt die Verfahrensweise für deren staatliche Anerkennung. Das "Forschungsinstitut für Balneologie und Kurortwissenschaft" in Bad Elster ist (in enger Kooperation mit dem "Forschungsinstitut für Bioklimatologie" in Berlin-Buch und in permanenter Abstimmung mit den entsprechenden Partnerinstitutionen der sozialistischen Länder) verantwortlich für den wissenschaftlich fundierten Leitungs- und Kontrollprozeß des Kur- und Bäderwesens. Die relativ begrenzten Möglichkeiten unserer balneobioklimatologischen Gesamtkapazität zwingen zu ständiger schöpferischer Überlegung wie sie insgesamt gesundheitspolitisch und medizinisch optimal zu nutzen sind. Dies betrifft neben den bereits erwähnten Schwerpunkten vor allem auch das Problem der Kuren für Kinder und für Bürger mit körperlichen Schadenszuständen die im Hinblick auf besondere Betreuung erhöhte Anforderungen stellen gleichgültig ob die Kur z. B. für den Körperschaden selbst indiziert ist oder sich aus anderen ärztlichen Überlegungen als notwendig erweist. Es ist genau zu prüfen wie die Anteile von Heilkuren und solche mit präventiv-medizinischer oder rehabilitativer Zielstellung unter Berücksichtigung epidemiologischer Gesichtspunkte global und territorial zu gliedern sind. Weitere Überlegungen führen auf das Problem der jahreszeitlichen Optimierung der Kureinweisung d. h. der Zusammenhänge zwischen Kureffektivitätsgipfeln und der Jahreszeit wie sie bereits objektiv - z B. beim endogenen Ekzem in der Thalassotherapie - nachweisbar sind. In gleicher Richtung bewegen sich Bemühungen zur objektiven Erfassung des reaktiven Geschehens am Kranken im Kurverlauf zur Begründung einer indikationsspezifisch abstufbaren Kurdauer. So richtet sich das Augenmerk der gegenwärtigen kurorttherapeutischen Forschung immer stärker auf die unspezifisch-stimulativen Einflüsse der Kur wenn auch das Studium der spezifischen Wirkfaktoren der natürlichen Heilmittel damit nicht abgeschrieben sein kann. Es ist aber zunächst erforderlich möglichst schnell eine große Zahl leicht reproduzierbarer Meßdaten zu gewinnen die geeignet sind kollektivtypische Reaktionsnormen für bestimmte Kurbehandlungsprogramme zu erkennen und daraus letztlich die quantitative Steuerung der "Reizseriencharakteristik der adaptiven Leistungstherapie" abzuleiten. Hierzu bedarf es eines geeigneten biometrischen Arbeitskonzeptes und der Beachtung der saisonalen Grundrhythmik durch die das kollektive oder individuelle reaktive Antwortmuster entscheidend modifiziert wird. Derartige Untersuchungen führen mit Sicherheit schneller zur Ermittlung der Typik grundlegender Abläufe als das Studium sehr differenzierter spezieller indikativer Parameter an wenigen einzelnen wenn auch intensiv beobachteten Kranken deren große intra- und interindividuelle Schwankungsbreite erhebliche Schwierigkeiten bereitet und die gründliche Kenntnis ihrer tagesperiodischen Schwankungen voraussetzt. Der zweite Schritt ist aber dann tatsächlich die Rückrechnung der reaktiven Kurverlaufstypik auf den therapeutischen Einzelreiz d. h. die tägliche Kontrolle bestimmter Meßwerte und deren kollektivtypische Variation von Tag zu Tag mit der Methode der "Streuung der täglichen Änderung". Es ist nicht die Absicht dieser Zeilen im einzelnen die Belege für ihren Inhalt zu zitieren oder zu diskutieren. Sie sollten einen Einblick in die Probleme und deren Lösungsansätze geben die wir in dem Vierteljahrhundert des Bestehens unserer Republik als wesentlich für die wissenschaftliche und praktische Arbeit im Kur- und Bäderwesen erkannt haben. Ausgangspunkt aller dieser Bemühungen war ist und bleibt die hohe Verantwortung die das Kur- und Bäderwesen zur Lösung der Aufgaben des Gesundheitsschutzes für alle Bürger als gesellschaftlichen Auftrag übernommen hat.

Keyword(s): Kur- und Bäderwesen historische Entwicklung


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